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Pietà Erster Weltkrieg

Kalenderwoche 47 im Jahr 2018
19.11.2018 - 25.11.2018

von Mathias Wolf (Diakon)

Am 11. November 1918 wird im Wald von Compiègne bei Paris das Waffenstillstandsabkommen zwischen Deutschland und den Alliierten unterzeichnet. Der Erste Weltkrieg mit Millionen von Toten ist nach vier Jahren zu Ende.
100 Jahre ist das jetzt her. Ein Anlass zum nachdenklichen Innehalten.

„Pietà for World War I“, so heißt ein riesengroßer Bildteppich aus Leinen und Seide von dem Frankfurter Künstler Thomas Bayrle. Dieser Bildteppich wurde im November vergangenen Jahres gemeinsam von dem deutschen und französischen Präsidenten, im Gedenken an die Opfer des Ersten Weltkrieges, in der deutsch-französischen Gedenkstätte Hartsmannsweilerkopf in den Vogesen angebracht. Sein Vorbild war die berühmte Pietà des Michelangelo im Petersdom.
Eine Pietà zeigt, was kein Bericht aus der Bibel erzählt: Maria hält den toten Jesus im Arm. In Deutschland kamen im Mittelalter diese Vesperbilder auf. Die vom Schmerz zerrissene Mutter hält ihren toten gemarterten Sohn im Arm. Das muss die Menschen so berührt haben, dass sie vielerorten diese Darstellung in die Kirchen stellten. Der Mensch vom Leid zerrissen. Unbeschreiblich, unbegreiflich dieses Leid, wenn eine Mutter ihr totes Kind im Arm hält. In der Pietà ist es nicht irgendeine Mutter und irgendein Kind: Es ist die Mutter Gottes und ihr Sohn, Jesus, der Gottessohn. Selbst Gott macht durch, was Menschen durchmachen müssen.

In der Pietà wird die große Erzählung vom Tod Jesu ganz persönlich. Sie wird reduziert auf die Begegnung und Beziehung dieser zwei: Mutter und Sohn. Das Sterben Jesu am Kreuz ist nicht etwas Abstraktes: Es ist konkret. Es ist in dem konkret, der es in sein Leben aufnimmt. Wer die Bilder vom Leiden, vom Schmerz und der Trauer seines eigenen Lebens mit diesem Bild vom Gekreuzigten verbindet, für den hat der Tod Jesu etwas zu sagen.

Der Künstler hat das in seinem Bildteppich für die Gedenkstätte am Hartmannsweilerkopf eindrucksvoll umgesetzt. Diese Pietà besteht aus vielen einzelnen Totenköpfen. Sie alle bilden das Gesamtbild. Die Totenköpfe erinnern an die unzählig vielen Toten des Krieges vor einhundert Jahren und an die Opfer der Kriege und der Gewalt bis heute.
Jeder und jede Einzelne ist mit seinem Leiden und Sterben ein Bildpunkt im großen Bildteppich dieser Pietà. Die Toten bekommen hier ein Gesicht, einen Ort. Und so wird das Leid des einzelnen hineingenommen in das Leiden und Sterben des Gekreuzigten. Wir sehen im Tod des Einen den Tod der vielen.

Vom Gekreuzigten und seiner Mutter her wird allen Trauernden zugesagt:
Dein Schmerz ist nicht nur der deine, sondern er ist aufgehoben im Leiden des Gottessohnes und seiner Mutter. Das nimmt dem Schmerz und der Trauer nichts, aber es kann den Blick verändern. Im Blick auf die Pietà weitet sich mein Blick auf das Leid der vielen und zugleich dieser zwei: Mutter und Sohn.
Die Pietà ist ein Bild unseres Lebens. Die Pietà öffnet den Blick über den Tod hinaus.
Dieses Bild von dem, was nicht war und doch wahr ist, kann dem Leben eine neue Perspektive geben.

Mathias Wolf, Diakon

Eine Darstellung des Bildes findet sich unter:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/macron-und-steinmeier-uebergeben-bayrles-kriegsgraeberteppich-der-oeffentlichkeit-15285161.html
Oder unter: https://openagenda.com/annee-europeenne-du-patrimoine-culturel-2018/events/pieta-for-world-war-i?lang=de