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Gemeindeleitung im Team - Wie kann das gehen?

Impulse und Erfahrungsberichte in der Diskussion

Die katholische Kirche in Deutschland befindet sich aktuell in einem umfassenden Wandlungsprozess. Unter dem Stichwort der "lokalen Kirchenentwicklung" kommt es zu vielfältigen Entwicklungen, die eine stärkere Beteiligung aller Gläubigen zum Ziel hat. Es ist eine Zeit des Aufbruchs und der Gestaltung, die das Erscheinungsbild von Pfarreien und Gemeinden für die nächste Zukunft prägen wird. So werden zur Zeit auch in einer wachsenden Zahl von Gemeinden in Deutschland, Österreich und der Schweiz Leitungsteams eingesetzt, um Ortsgemeinden zu leiten. Getaufte und gefirmte Gemeindemitglieder übernehmen aufgrund ihrer Taufwürde und ihren gottgeschenkten Begabungen so einen wichtigen Dienst für die Gemeinde. Diese Praxis hat sich in einigen Diözesen Frankreichs (etwa in Poitiers) bereits seit einigen Jahrzehnten bewährt und wird nun auch zu einer wichtigen Option im Spektrum der lokalen Kirchenentwicklung im deutschen Sprachgebiet.

In unserer Pfarrei wurde in der Gemeinde St. Petrus Canisius im Januar ein ehrenamtliches Leitungsteam beauftragt. Dieses dreiköpfige Leitungsteam übernimmt in den nächsten drei Jahren die Aufgabe die Gemeinde St. Petrus Canisius in Oberstedten zu leiten. Das Team übernimmt dabei auch einige Aufgaben, die vorher eine hauptamtliche Bezugsperson wahrgenommen hat.

Auch in anderen Bistümern leiten bereits solche Teams Gemeinden. Wir waren mit einer kleinen Gruppe aus unserer Pfarrei bei einem Treffen solcher Teams im Bistum Hildesheim.

Bei diesem Forum werden Erfahrungen aus der Praxis in St. Petrus Canisius und aus dem Bistum Hildesheim konkrete Anregungen für die Diskussion bieten, wie Gemeindeleitung im Team konkret aussehen kann.

Forum St. Ursula am 13. September: Bericht des Abends


„Wenn mir der neue Bischof von Limburg fünf Kapläne schicken würde, ich würde keinen davon zur Bezugsperson machen.“ – Dieser Satz des Pfarrers war vielleicht der steilste Satz an diesem Abend, mit dem er deutlich machen wollte, dass er die Entwicklung hin zu Gemeindeleitungen im Team für grundrichtig hält. „Ja, und wir können uns vorstellen, dass dann einer dieser Kapläne Teil unseres Gemeindeleitungsteams ist.“ – So konterte jemand aus dem Pfarrgemeinderat diesen Satz und brachte damit zum Ausdruck, dass wir als Pfarrei mitten in einer spannenden Diskussion, mitten in einer spannenden Entwicklung sind.

Ausdrücklich hatte Mathias Wolf – als Sprecher der Vorbereitungsgruppe – dazu eingeladen, an diesem Abend alles zu sagen, was einem zu diesem Thema auf der Seele brennt und keine Frage, keine Meinung zurückzuhalten. Und so wurden es durch die vielen Fragen der ca. 45 Teilnehmerinnen und Teilnehmer und durch die sehr gute Moderation von Dr. Barbara Tambour zu einem angeregten und lebendigen Forum, das viele wichtige Punkte zu Tage förderte.

In seiner Einführung räumte Pfr. Unfried eine argumentative Schwäche ein. Der Anlass dafür, dass wir uns in der Pfarrei mit Gemeindeleitung im Team beschäftigen, ist die Not, nicht mehr für jede Gemeinde eine Bezugsperson zur Verfügung stellen zu können. Die Situation heute ist nicht mehr die, die wir zur Zeit der Pfarreiwerdung hatten. Diakon Jan Klementowski ist weggegangen. Diakon Clemens Olbrich ist verstorben. Die Not war der Anlass, nach anderen Wegen zu suchen, wie Gemeinden weiterhin eine gute Zukunft haben, auch wenn es weniger hauptamtliches Personal gibt. Und dieses Nachdenken hat Gründe für diesen Weg zu Tage gefördert, die in sich Bestand haben und ein tragfähiges Fundament für die Zukunft sind: Als Getaufte haben wir eine Würde von Christus her, sind von ihm beauftragt. Erfahrungen aus der Weltkirche zeigen uns, welches Potenzial es hat, wenn sich das Volk Gottes dahin entwickelt, dass Menschen Gemeinden bilden und leiten. Und auch unsere eigenen Erfahrungen weisen in diese Richtung: Dort, wo Ehrenamt und Hauptamt auf Augenhöhe zusammenarbeiten und Verantwortung auf vielen Schultern verteilt ist, läuft es gut.

Ein Teil der Fragen bzw. Rückmeldungen ging in Richtung Überforderung. Wie sollen wir zu alle dem, was wir schon tun, nun auch noch Leitung wahrnehmen? Jemand berichtete von den Schwierigkeiten, Menschen dafür zu gewinnen, für etwas Verantwortung zu übernehmen. Ein Teilnehmer fragte, wie das Charisma der Leitung aussehen würde und kommentierte trocken: Bei Leitung geht es um Steuerung, um den Gesamtüberblick – das ist kein Charisma, das ist vor allem viel Arbeit. Andere Fragen ließen auch den finanziellen Aspekt nicht außer Acht. Können sich nur die Menschen, die gut abgesichert sind, es leisten, sich in der Gemeindeleitung zu engagieren, weil die anderen die Zeit zum Geldverdienen brauchen. Wie ist das mit der Gerechtigkeit, wenn die einen für die Arbeit Geld bekommen, die anderen nicht. Wiederum andere fragten, ob von Seiten der Kirche genug getan würde, junge Menschen für Berufe in der Kirche zu begeistern.

Im zweiten Teil des Abends wurden Erfahrungen aus dem Bistum Hildesheim geschildert. Einige Personen aus unserer Pfarrei waren dorthin gefahren, um von den Erfahrungen der lokalen Kirchenentwicklung in Hildesheim zu lernen. Seit 2006 ist das Bistum Hildesheim in einem solchen Prozess. Ein Baustein in dieser Entwicklung ist der Aufbau von lokalen Gemeindeleitungen. Und für den dortigen Bischof ist ganz klar: Lokale Leitungsteams sind keine Ersatzlösung. Lokale Leitungsteam – das sind mündige Christen, die für ihren Bereich Leitung wahrnehmen. Es geht um das Bewusstsein: Wir können Verantwortung übernehmen und tun es schon.

Konkret funktioniert es in Hildesheim so, dass ein Team von zwei geschulten Moderatoren in eine Gemeinde kommt, um mit den Menschen dort zu überlegen, wie ihr Kirchort aussieht und wie bei ihnen Leitung aussehen könnte. Es geht darum, einen pastoralen und geistlichen Prozess in Gang zu setzen, der die Gemeinde zu einer Entscheidung befähigt. Bewusstseinsbildung, Auseinandersetzung mit den eigenen Kirchenbildern, Schulungen, Kompetenzerwerb sind wichtige Stichworte für den Entwicklungsweg.

Die Gruppe, die in Hildesheim war, war von den Gesprächen angeregt und motiviert. Die Gruppe betonte, dass es gut getan hat zu hören, dass sie in Hildesheim auch einiges an Fehlern gemacht haben, aus denen sie dann wieder gelernt haben.

Im dritten Teil des Abends wurde es sehr konkret: Gemeindeleitung im Team – Geht das? - Ja, es geht. Es geht gut, wir tun es aus unserem Glauben heraus und es macht uns unglaublich viel Freude. So kann man in aller Kürze zusammenfassen, was das Leitungsteam von Petrus Canisius auf diese Frage geantwortet hat. Seit 1.1.2016 haben Renate Kexel, Marcelline Schmidt vom Hofe und Edith Schröder die Leitung der Gemeinde Petrus Canisius übernommen. Es ist ein Pilotprojekt und auf drei Jahre angelegt. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass Gemeindeleitung im Team sehr gut möglich ist.

Im Erzählen der drei wurden viele Fragen beantwortet. Alle haben noch ein vielfältiges Leben neben ihrem pastoralen Engagement. Eine Person ist voll berufstätig und sagt von sich, dass sie pro Woche ½ Stunde bis 1 Stunde einbringt, einbringen kann. Das war vorher klar und dank der klaren Absprachen und der guten Zusammenarbeit funktioniert es. Die anderen können mehr Zeit einbringen, von vier Stunden die Woche war die Rede. – Alle betonten, dass sie gar nicht für alles zuständig seien. Gemeinsam mit dem Ortsausschuss kümmern sie sich um die Belange der Gemeinde. Und das funktioniert gut, weil es dort ganz klare Zuständigkeiten gibt und die einzelnen Personen Verantwortung übernehmen. Dass es so geregelt ist, war Teil des Entwicklungsweges in Petrus Canisius und eine der Voraussetzungen, warum die drei Frauen das Vertrauen hatten, diesen Schritt zu tun. Als weitere wichtige Voraussetzung benannten sie die gute Zusammenarbeit mit dem Pastoralteam: Kommunikation auf Augenhöhe, Einbezogensein in den Kommunikationsfluss. Und die Gewissheit zu haben, dass man nicht alles selbst wissen muss, tun muss, sondern weiter verweisen kann und sich Rat holen kann. Die Hauptamtlichen seien ja nicht weg. – Und von der Gemeinde berichteten sie, dass sie sich angenommen fühlen, dass sie Akzeptanz und Unterstützung erfahren.

Mehrmals wurde die Frage gestellt, was es denn nun sei, was Gemeindeleitung ausmache. Ob es denn mehr sei als die Weiterentwicklung eines gut funktionierenden Ortsausschusses. Ja, war die Antwort. Es braucht Zusammenführung und Koordination. Es braucht eine Leitungsstruktur, die es ermöglicht, Entscheidungen zu treffen. Es braucht Menschen, die es sich zur Aufgabe machen, nach Talenten Ausschau zu halten und andere zu motivieren, mitzuarbeiten. Es braucht Menschen, die fragen: Was führt Menschen zusammen? Was dient dem Evangelium? Passt es unter unser weites katholisches Dach? Passt es zusammen mit unserer Vision?

Ein Fazit kann es an einem solchen Abend nicht geben. Karl Valentin hat einmal gesagt: Wo alle dasselbe denken, wird nicht viel gedacht. – Dieses Problem haben wir nicht in St. Ursula. Viele Menschen denken laut über die Zukunft der Kirche nach und nicht alle denken dasselbe. Es wäre schön gewesen, so haben es manche empfunden, wenn die Menschen mit großen Vorbehalten zu diesem Abend gekommen wären, um ihre Meinung einzubringen. Klar war allen, dass es ein Prozess ist, der Zeit braucht und sich entwickeln muss. Klar war auch, dass es ein Prozess ist, der Unterstützung von außen braucht. (Was Martin Klaedtke, der im Bistum Limburg für lokale Kirchenentwicklung zuständig ist, aufmerksam gehört hat.) Klar war die Zusage von Pfarrgemeinderatsvorsitzender und Pfarrer, dass sich der Pfarrgemeinderat intensiv diesen Fragen widmen wird.
Susanne Degen

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Letzte Änderung am 03.10.2016 - 12:14 Uhr von Knut Schröter