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„Die Kirche war immer mein Lebenselixier!“

Kalenderwoche 40 im Jahr 2018
01.10.2018 - 07.10.2018

von Susanne Degen (Pastoralreferentin)

„Die Kirche war immer mein Lebenselixier!“

So bilanziert ein älterer Herr die über sieben Jahrzehnte seines Engagements, als ich ihn besuche. Kein Zweifel, dass diese Aussage stimmt. Das war Montag. – „Kirche als Hölle“ – ist auf der Titelseite der Tageszeitung zu lesen, die auf dem Küchentisch liegt. Kein Zweifel, dass auch diese Aussage stimmt. 3677 Opfer, 1670 Täter - ein erschreckendes Ausmaß sexuellen Missbrauchs von Kindern. Das war Donnerstag.

Welche Spannung in unserer Kirche zwischen tiefster Zuversicht und tiefstem Abgrund!

Wenn man sich auch nur eines der Schicksale wirklich vergegenwärtigt, dann tut es furchtbar weh. Niemand kann das Leid, das hinter den Zahlen steht, ermessen. Sehr bitter und beschämend ist diese Wahrheit, die die Studie zu Tage gefördert hat, die die Deutsche Bischofskonferenz in Auftrag gegeben hatte. Junge Menschen, die in der Kirche Leben und Heil finden wollten, sind durch Priester unter Ausnutzung ihrer geistlichen Macht zutiefst verletzt und oft für ihr Leben lang verwundet worden, so bringt es Bischof Bätzing beim Kreuzfest ins Wort.

Vielleicht mag manch einer denken: Was können wir da schon tun? Das müssen die da oben regeln. In der Tat: „Die da oben“ haben noch eine Menge zu tun, nachdem jetzt klar ist, dass in großem Ausmaß verharmlost, vertuscht und aktiv eine Aufklärung vereitelt worden ist, Konsequenzen nicht gezogen worden sind.

Und wir „hier unten“? Schauen wir nur zu, was die deutschen Bischöfe sagen und tun? Das ist das Schlechteste nicht, wenn wir kritisch begleiten und kritisch nachfragen, wo immer sich für uns eine Möglichkeit bietet. Reichen tut es nicht. Wir alle sind für eine Kultur verantwortlich, die Missbrauch verhindert. Prävention von sexuellem Missbrauch ist keine Lachnummer und sie ist auch kein Thema, das nur die eigens dafür Beauftragten beschäftigen darf. In aller Regel geht es bei sexuellem Missbrauch um Machtmissbrauch; es beginnt mitunter schleichend. Wir haben uns alle zu fragen, wie wir mit Macht umgehen und vor allem, zu was wir unsere Kinder und Jugendlichen ermächtigen. Ermutigen wir zum Nein sagen, zur Selbstbehauptung, zum Grenzen setzen, zum Widerstand? – Kirche als Lebenselixier? Ja, das ist noch immer meine Vision, dass wir so viel Freiheit und Stärke und Selbstwert und Achtsamkeit in dieser Kirche leben, dass das Böse schlichtweg keine Macht mehr hat.

Susanne Degen, Pastoralreferentin