75 Jahre „Von guten Mächten …“

Es gibt Lieder und Gedichte, die sind ganz in ihrer Zeit verankert und doch sind sie zeitlos. Das Lied „Von guten Mächten“ des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer ist so ein Lied. Am 19. Dezember 1944 – also vor 75 Jahren – legte Bonhoeffer seinem Weihnachtsbrief an seine Verlobte Maria von Wedemeyer - wie er es selbst nannte - einige „Verse“ bei, die ihm die letzten Abende „eingefallen“ seien.

Er schreibt: „Sie sind der Weihnachtgruß für Dich und die Eltern und die Geschwister.“
Entstanden waren die Verse im Gefängnis des Reichssicherheitshauptamtes in Berlin, in dem Bonhoeffer seit Oktober einsaß. Wegen seines Widerstands gegen das Naziregime und im Zusammenhang mit dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 war er – wie viele andere Widerständler auch - hier interniert worden. Von Berlin aus wird Bonhoeffer dann im April 1945 nach Flossenbürg gebracht und am 8. April hingerichtet.
Dieses überschriftlose Gedicht darf als „das geistliche Gedicht des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet werden. Unzählig viele Menschen haben diese Zeilen berührt, auch wenn sie ihre Geschichte gar nicht kennen.
Im Angesicht des Todes fand Bonhoeffer die Kraft zu diesen stillen und zuversichtlichen Worten.
Der letzte Abend des Jahres, die Wende vom einen Jahr ins andere lässt nachdenklich werden. Gottlob sind unsere Zeiten heute andere als jene vor 75 Jahren. Mich rühren diese Verse immer wieder an, gerade in dieser Zeit des Jahreswechsels in den stillen, dunklen Nächten des Winters.
Mathias Wolf, Diakon

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Dietrich Bonhoeffer, 1944