Offener Brief an Herrn Katsch – Eckiger Tisch

Sehr geehrter Herr Katsch,

 

 

durch Ihr persönliches Engagement, durch die beharrliche Arbeit von Betroffenen im Verein „Eckiger Tisch“, durch investigativen Journalismus und auch durch Studien wie der MHG-Studie und Aufarbeitungsprozessen wie dem in unserem Bistum wissen wir seit Jahren von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der katholischen Kirche.

Die Veröffentlichung des Münchner Gutachtens hat uns erneut tief getroffen und erschüttert. Es erinnert uns und mahnt uns. Auch nach den vielen Berichten in den letzten Jahren sind wir auch jetzt bestürzt, tief traurig, voller Scham und Schmerz über das Leid, das die Betroffenen erfahren haben. Wir fragen uns beklommen, wie wir noch guten Gewissens Teil dieser offiziellen Kirche sein können. Kinder und Jugendliche sind durch sexuelle Gewalt schwer verletzt worden. Und dann wurden sie allein gelassen, haben weder als Kinder und Jugendliche noch später als Erwachsene Verständnis, Empathie, Gerechtigkeit erfahren. Besonders enttäuschend und beschämend finden wir die Einlassungen des ehemaligen Papstes, der auch 2021/22 immer noch nicht verstanden hat, dass die Betroffenen im Mittelpunkt zu stehen haben, dass es um das Eingeständnis von Schuld geht, dass es darum geht, sich den Konsequenzen zu stellen, und nicht darum, Unrecht und Gewalt zu relativieren.   

Wir spüren Ohnmacht, Rat- und Sprachlosigkeit. Und schreiben doch diesen offenen Brief an Sie und damit auch an alle betroffenen Mitbürgerinnen und Mitbürger, weil wir bei der Lähmung nicht stehen bleiben wollen und denken, dass wir das nicht dürfen.

Wir möchten Ihnen unseren tiefen Respekt und Dank dafür ausdrücken, dass Sie sich dafür engagieren, Verbrechen und Unrecht öffentlich zu machen und für die Rechte und Bedürfnisse von Betroffenen zu kämpfen. Wir können kaum erahnen, was es Sie und andere Betroffene kostet, gekostet hat, sich diesen Auseinandersetzungen auszusetzen. Das Risiko, immer wieder erneut Unverständnis, kompletten Ausfall von Empathie oder gar erneutes Unrecht oder Gewalt zu erleiden, ist groß.

Wir bekennen unsere Hilflosigkeit. Wir verspüren den brennenden Wunsch, etwas tun zu können, was hilft, was etwas besser macht. Wir wissen noch nicht einmal, ob und wie wir angesichts der Situation beten können. Dass höchste Kirchenvertreter es in Briefen an Betroffene an Empathie komplett haben fehlen lassen und gleichzeitig darin geschrieben haben, sie würden für die Betroffenen beten, macht uns sehr, sehr nachdenklich – und stumm.

Wir haben in unserer Pfarrei mit Vielen ein Schutzkonzept erarbeitet und arbeiten weiter daran, es in unserem Alltag umzusetzen und Achtsamkeit und Sensibilität noch mehr Teil unserer Kultur werden zu lassen.

Bei aller Gebrochenheit und Unsicherheit möchten wir Ihnen und allen Menschen, die von sexueller Gewalt betroffen sind, sagen, dass wir Ihnen Gutes wünschen, dass wir Ihnen von Herzen wünschen, dass Dinge geschehen, die Ihnen helfen, die etwas besser machen. Wir möchten gern unseren Beitrag dafür leisten und sind dankbar, wenn wir von Ihnen Hinweise bekommen, wie wir das hier im Leben unserer Pfarrei tun können.

Mit hochachtungsvollen Grüßen

 

Für die Pfarrei St. Ursula, Oberursel und Steinbach

Der Pfarrgemeinderat

 

Pfarrer Andreas Unfried, Marcelline Schmidt vom Hofe, Birgid Fuchs, Katharina Kiefer und Knut Schröter

Vorstand Pfarrgemeinderat

 

offener Brief als pdf: Offener_Brief_Hr.Katsch.pdf

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