8. Mai

In diesem Jahr kommt alles zusammen: der Muttertag, einst von den Nationalsozialisten zu Propagandazwecken genutzt, der Tag der Befreiung, begangen in der Sorge vor einem neuen Weltkrieg, sowie der Hirtensonntag in einer Kirche, deren „Hirten“ unter Rechtfertigungszwängen stehen.

Der Muttertag hat überlebt – trotz aller Frauenpower und Emanzipation. Ein bisschen reduziert auf den ursprünglichen, kommerziellen Zweck, zu dem er von Floristenverbänden in Deutschland etabliert wurde. Und vielleicht, weil es ein von allen recht einfach zu nutzendes und etabliertes Ventil ist, den Ungerechtigkeiten des Gendergap in Beruf, Familie und Gesellschaft den Überdruck zu nehmen. Ist es nicht süß, wie der 5-Jährige mit strahlendem Gesicht sein Sprüchlein aufsagt (auch wenn darin das Hausfrauenbild von vor 50 Jahren aufscheint) und blitzt nicht einer dieser seltenen, magischen Momente auf, wenn die 15-Jährige 7 Minuten länger als sonst am Frühstückstisch sitzen bleibt – ganz ohne zu meckern?

Befreiung ist nie nur passiv. Befreite müssen auch befreit werden wollen. Und Mittun daran, dass die Freiheit hält. Nie wieder! Hallte es in den vergangenen Jahrzehnten am 8. Mai durch die europäischen Lande. An dem Tag, der wie kein anderer für die Befreiung aus diktatorischen Handschellen und Maulkörben steht. Nie wieder! Und dann ist es doch passiert. Vor unserer Haustür und wir bangen an diesem Tag der Befreiung 2022 um unsere eigene Freiheit und streiten darum, ob Frieden mit oder ohne Waffen zu verteidigen ist – für uns und andere. Ein Dilemma zwischen friedlich handeln und für Frieden handeln.

Wie werden wir einander zu Beschützerinnen und Beschützern? Zu Sorgenden füreinander? Zu Hirtinnen und Hirten, bereit zum Risiko, zum Handeln außerhalb der Komfortzone und ohne andere zu Schafen zu machen?

Jesu Hirtensein ist anders. Er ist der gute Hirte schlechthin, der um unsere Dilemma weiß, der unser Machen-Wollen kennt und unser guten Absichten, die zum Gegenteil führen. Jesus ist der Gute Hirt, der dabei ist wenn wir uns ohnmächtig an Rituale und Hierarchien klammern, weil alles andere noch unerträglicher wäre und dieser Gute Hirte ist gleichzeitig die Tür aus dem Schafstall heraus, heraus aus unseren Unfreiheiten. Vielleicht nicht äußerlich aber innen drin.

Katrin Gallegos Sánchez