Berührungsängste

2012-01-28 16:53:14

Das Sonntagsevangelium berichtet uns diesmal von der Heilung eines Aussätzigen. Die alttestamentliche Lesung ergänzt die entsprechenden Hygiene-Vorschriften der damaligen Zeit. Aus guten Gründen liefen sie darauf hinaus, Menschen mit ansteckenden Krankheiten zu isolieren und aus dem normalen Leben auszuschließen. Berührungsängste waren also durchaus berechtigt damals.Heute ist das ja alles ganz anders. Die Medizin ist ja viel weiter. Und Menschen gesellschaftlich zu isolieren (abgesehen von konkreter Ansteckungsgefahr) käme uns doch niemals mehr in den Sinn. Oder?Menschen, die aus irgendeinem Grund aus dem normalen Leben herausfallen, erzählen da leider manchmal ganz andere Geschichten. Egal ob Krankheit, Behinderung, Fremdheit durch Sprache oder Kultur – die Gründe für Berührungsängste sind mannigfaltig. Und wenn natürlich den meisten klar ist, dass sie rational unbegründet sind, vorhanden sind diese Ängste eben dennoch.Vielleicht hilft es ja sich zu vergegenwärtigen, wo sich Jesus in dieser Geschichte verortet. Offensichtlich hat er keine Berührungsängste. Sogar auf das Risiko, selbst für unrein erklärt zu werden, überschreitet er die gesteckten Grenzen, hebt er die Ausgrenzung auf. Ob das medizinisch vernünftig war, lasse ich einmal dahingestellt. Dass es menschlich der Weg Jesu ist, steht aber außer Frage. Es ist so einfach wie ambitioniert: Wer Jesus nahe kommen will, der darf sich von seinen Berührungsängsten nicht ins Bockshorn jagen lassen.Pfarrer Andreas Unfried