Erntedank
Dass gute Ernten nicht mehr selbstverständlich sind, haben wir im vergangenen heißen und trockenen Sommer deutlich erfahren müssen.
Dürre, Ernteausfälle und Futtermangel sind keine punktuellen Probleme, sondern wirken sich dramatisch in
die Zukunft hin aus. Da mischen sich in die Dankbarkeit auch große Sorgen. Erntedank bedeutet nicht, die Probleme auszublenden oder zu bagatellisieren. Doch dankbar zu sein heißt auch, bewusst wahrzunehmen, was uns Halt gibt und stärkt - und den Blick darauf zu lenken, gerade dann, wenn vieles unsicher und schwierig geworden ist.
Einen Aspekt, der Halt gibt, möchte ich herausstellen, nämlich das Zusammenwirken. Hinter jedem Brot, jedem Liter Milch und jedem Stück Obst und Gemüse stehen Menschen, Tiere, Böden, Wetter – und viel Arbeit.
Wir können säen, gießen, pflegen und ernten. Aber wir können Wachstum, Wetter und das Gelingen einer Ernte nicht erzwingen. Kein einzelner Mensch hat alles in der Hand, immer bleiben wir auf andere angewiesen. Wir bleiben Empfangende, eingebunden in einen großen Zusammenhang, auf den wir nur bedingt Einfluss haben. Das wird angesichts von Dürre und Klimawandel schmerzhaft erfahrbar.
Zugleich liegt darin eine geistliche Wahrheit: Unser Leben ist nicht allein das Ergebnis unserer Leistung. Es ist und bleibt immer Geschenk. Erntedank bedeutet deshalb auch: Wir gehören zusammen, leben in Verbundenheit mit anderen Menschen und mit Gott, dem Schöpfer allen Lebens, der uns die Erde anvertraut. Wir leben von dem, was uns geschenkt ist.
Wenn ich in meinem Garten etwas ernte, denke ich manchmal daran, dass die Bäume an denen ich mich bediene zum Teil älter sind als ich. Dann wird mir bewusst, dass meine Vorfahren sie bereits gepflegt und erhalten haben und dass es ihrer Arbeit zu verdanken ist, dass ich in der Gegenwart etwas Gutes ernten kann. Darüber bin ich dann froh und dankbar – und auch etwas wehmütig.
Diese Gedanken bringen mich noch zu einem weiteren Aspekt von Erntedank, der ermutigend ist, aber auch Verantwortung beinhaltet: wir können füreinander sorgen und miteinander teilen – sogar über die eigene Lebenszeit hinaus und zum Wohl
derer, die auf uns folgen…