„Flüchtlinge unter uns – auf dem Weg in eine neue Zukunft”

2015-03-06 18:07:16

Als mein Vater 13 Jahre alt war, vermutlich im Herbst 1945, fuhr er mit dem Zug von Mährisch-Schönberg aus, einer Stadt im Osten des heutigen Tschechien, Richtung Westen. Er lag auf dem Dach des völlig überfüllten Zugs, hatte mehrere Kleiderschichten an, hielt zwei Koffer fest umklammert, so gut es eben ging und versuchte, nicht vom Dach des Zuges herunterzurutschen. Vermutlich hatte er große Angst. Überstürzt waren seine Mutter und er in ihrer Heimatstadt aufgebrochen, „auf der Flucht vor der Roten Armee“, wie es später in der Familienlegende heißen sollte. Seine Mutter hatte im Zug einen Platz gefunden, sein Vater galt zu dieser Zeit noch als Soldat vermisst. Viele Ältere kennen solche Fluchtgeschichten, aus eigener Erfahrung oder von Erzählungen in ihrer Familie. „Damals als Großvater aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause kam“, „Oma musste sich mit den beiden kleinen Kindern alleine nach Westen durchschlagen…“. Auch 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges sind diese Geschichten erinnerbar. Manchmal sind es geteilte Geschichten, oft sind sie in der Familie aber auch tabuisiert. Die Erinnerung an sie transportiert vielleicht zu viel Schmerz, zu viel Angst, zu viel von einem Blick in den Abgrund, den man vergessen möchte und nicht erinnern. Die Journalistin Sabine Bode hat in ihren beiden Büchern „Die vergessene Generation“ und „Kriegsenkel“ sehr eindrücklich beschrieben, wie die Kriegserfahrungen einer Familie bis in die zweite und dritte Generation tiefe Spuren hinterlässt.Eigentlich müssten wir auf diesem Hintergrund mit unserem kollektiven Gedächtnis als Deutsche eine starke Empfindsamkeit für die Situation von Flüchtlingen entwickeln können. Wir sollten uns gut einfühlen, zumindest hineindenken können, was es heißt, seine Heimat verlassen zu müssen. Mitgefühl dürfte uns nicht schwerfallen – haben doch Familienangehörige von uns die Erfahrung von Flucht am eigenen Leib gespürt. Ich weiß nicht wirklich, wie mein Vater seine Erfahrung von Flucht erlebt hat, damals als 13-jähriger, was er gefühlt hat, ob und wenn ja wie er diese Erfahrung verarbeitet hat – aber ich vermute, dass es für ihn als Jugendlichen eine erschütternde Erfahrung voller Unsicherheit, Angst und Zorn war. Vieles, was später in seinem Leben geschehen ist, lässt mich ahnen, dass er von diesen Erfahrungen traumatisiert war, so wie viele Hunderttausende anderer Menschen auch, ohne dass das je so genannt wurde. Heute leben etwa 1200 Flüchtlinge im Hochtaunuskreis, einige davon in Oberursel. Sie kommen aus Syrien, Eritrea und vielen anderen Ländern. Viele von ihnen sind traumatisiert von dem, was sie erlebt haben auf ihrer Flucht vor Krieg und Gewalt und Hunger. Sie willkommen zu heißen, ist eine menschliche Geste, nicht mal eine christliche. Der Gott, an den die Christen glauben, liebt jedenfalls definitiv die Fremden und die Migranten. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel. Das Volk Gottes selbst ist auf der Flucht – und der biblische Gott wandert mit an ihrer Seite.Wenn Sie mehr von dieser „biblischen Freundschaft“ hören wollen: kommen Sie doch einfach am Sonntag, 8. März um 18 Uhr in die Liebfrauenkirche. Im Rahmen der Fastenpredigtreihe darf ich dazu etwas erzählen. Herzlich Willkommen!