Ganz viel Liebe

2018-11-04 22:02:38

Im aktuellen Sonntagsevangelium bei Mk 12 geht es um die Liebe. Dort steht das berühmte Doppelgebot: Du sollst den Herrn, Deinen Gott, lieben und: [i]Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst![/i]Grund genug, sich einmal mit der „wichtigsten Sache der Welt“ zu beschäftigen, die noch viel mehr Facetten hat als Gottes- und Nächstenliebe. Schon unter uns Menschen existiert die Liebe in mehr Varianten als ich hier aufzählen könnte: als enthaltsam oder sexuell gelebte Liebe, als Liebe zwischen Mann und Frau oder Liebe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern, als familiäre Liebe - etwa zum eigenen Kind oder zu den Eltern -, als prickelnde erste Liebe im Teenageralter, als Liebe auf Distanz, als altruistisch-aufopfernde Liebe, als treue Liebe über den Tod hinaus oder gar als Feindesliebe. Liebe hat viele Formen, die sich mitunter durchmischen oder abwechseln und die „Kunst des Liebens“ wächst mit der Erfahrung. Und obwohl es kein allgemeingültiges Patentrezept gibt, beinhalten Jesu Worte doch wichtige Hinweise für das Gelingen von Liebe. Da heißt es, Gott sei zu lieben [i]„mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.“[/i]Der Schriftgelehrte, mit dem sich Jesus unterhält, greift das Gehörte auf und formuliert, dass die Liebe aus [i]„ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft“[/i] gelebt werden soll.Also gehören „Herz, Seele, Gedanken, Verstand und Kraft“ allesamt zur wahren Liebe, die als Gottesliebe, aber auch als Menschenliebe gelebt werden soll. So weit, so gut.Emotion und Kognition, also „Herz und Verstand“, so erfahren wir, gehören beide zur Liebe; sie schließen einander nicht aus. Der Satz „Liebe macht blind“ (gemeint ist damit natürlich „blöd“) muss insofern nicht stimmen und gilt nur, wenn etwas schief gegangen bzw. zu einseitig passiert ist. Denn bei der wahren Liebe kommt zum Gefühl des Herzens und der Leidenschaft auch noch der Verstand und die Rationalität dazu. Es ist kein „entweder - oder“, sondern ein „sowohl, als auch“. Nun gibt es erfahrungsgemäß in der Liebe Phasen, die nicht gleichförmig verlaufen. Die erste Verliebtheit mit den berühmten „Schmetterlingen im Bauch“ hält nicht ewig an und irgendwann ist es auch gut, dass Liebe nicht nur Ausnahmezustand bedeutet, sondern auch Alltag. Wie so oft, ist eine ausgewogene Balance der Schlüssel zum Glück. Nun noch einmal zurück zu den Bibelzitaten: Was mir aufgefallen ist bei den Ausführungen Jesu und des Schriftgelehrten ist ein Wort, das beide mehrfach wiederholen – ein klares Indiz dafür, dass es wichtig ist!Es ist das Wort [i]„ganz“[/i]. Wenn wir lieben, sollen wir das aus [i]„ganzem“[/i] Herzen, aus „[i]ganzem[/i] Verstand und [i]ganzer[/i] Kraft“ tun. Das ist bemerkenswert. Zur Liebe gehört also die Ganzheit, eine bestimmte Form von Vollständigkeit. Liebe verträgt sich nämlich nicht mit vornehmer oder taktischer Zurückhaltung. Liebe - ob auf Gott oder andere Menschen bezogen - verlangt alles: den ganzen Menschen mit wahrer Hingabe, ohne Hintertürchen oder Teilwahrheiten. Liebe ohne Gefühl, Liebe ohne Verstand, Liebe ohne Anstrengung, Liebe ohne Leiden, Liebe auf Probe und Liebe in Teilzeit gibt es nicht! Wer es so versucht, wird scheitern. Das meint Jesus, wenn er so stark betont, dass es zum Lieben den ganzen Menschen braucht: die leiblich-geistig-transzendierende Person, die wir sind. Ich wünsche uns allen Mut zu ganz viel Liebe!