Gebt acht auf die Kinder

2012-02-12 20:27:07

„Brüder und Schwestern, gebt sie mir. Gebt mir Eure Kinder!“ In diesen Worten gipfelt die Rede des Judenältesten im Getto Lodz im September 1942. Zigtausende von Juden waren hier eingepfercht und gingen der sicheren Vernichtung entgegen. Erhalten ist die Ghettochronik, die akribisch genau den Alltag des Holocaust festhält. Sie berichtet von den Tagestemperaturen, den viel zu geringen Lebensmittellieferungen, von den Todesfällen und selbst von Hochzeiten und Geburten. Der Schrecken der Hölle als nüchterne Chronik des Lebensalltags.„Nimm deinen Sohn…. und bring ihn als Dankopfer dar“ (Gen 22,1). So setzt die erste Lesung dieses 2. Sonntags der Fastenzeit ein. Dass Nazischergen zu einer solchen Grausamkeit fähig waren, erschüttert bis heute. Aber wie kann Gott so etwas von einem Vater verlangen? Das übersteigt doch unsere Vorstellungskraft.Abraham macht, was Gott von ihm verlangt. Fraglos.Rembrandt stellt in seinem Bild „Die Opferung des Isaaks“, das in der alten Pinakothek in München hängt, diesen Augenblick in erschütternder Dramatik dar. Er malt es im Todesjahr seines ersten Sohnes, das Thema hat ihn ergriffen. In brutaler Deutlichkeit liegt die Kehle des Knaben bloß. Der Engel stürzt auf einer Lichtbahn auf Abraham zu und fällt ihm in den Arm. Erschrocken, überrascht schaut Abraham auf. “Streck deine Hand nicht gegen den Knaben und tu ihm nichts zuleide“ (v. 12). Ein Befehl. Das gilt fortan. „Auf dem Berg lässt sich der Herr sehen“ (v.14) so nennt Abraham dann auch diesen Ort.Hier wird klar: es darf keine Gewalt von Erwachsenen gegen Kinder geben. Es gibt keine höheren Interessen, die das rechtfertigen würden – und selbst wenn sie im Namen Gottes daherkämen.Gewalt gegen Kinder das ist auch der traurige Alltag unserer Tage. In den Kriegsgebieten der Welt, wo Kinder Soldaten werden, wo sie in Fabriken oder unter Tage oder auf Müllkippen hart arbeiten müssen, um ein wenig Geld dazuzuverdienen oder wo sie der Gewalt der Erwachsenen ausgesetzt sind. In Familien, in Schulen, ja selbst auch in der Kirche, wo Kinder missbraucht werden.Der Bericht aus dem Buch Genesis treibt die Lage bewusst auf die Spitze. Was mir auffällt, ist der lange „Anlauf“ bis zum dramatischen Wendepunkt. Nüchterne Alltagsnotizen wie alles vorbereitet wird. Isaak geht sogar noch gutmütig mit. Die Dinge nehmen einfach ihren Lauf und entwickeln eine gewisse Eigendynamik – bis zur höchsten Dramatik. Eine eigenartige Dynamik, die ins Laufen kommt, hinter der man nichts Schlimmes vermuten müsste, wäre da nicht die Aufforderung Gottes zu Beginn. Eigentlich wäre ja hier bereits die Chance gewesen, alles zu kippen und einzuschreiten. Aber offenbar sehen es die Protagonisten nicht.Ich frage mich: Wie sieht unser Alltag mit unseren Kindern aus?Wir wollen doch nur das Beste für unsere Kinder. Wir machen die Schulwoche zur Arbeitswoche, streichen ein Jahr Jugend, packen den Sport und das Musikinstrument noch oben drauf. Alles gut gemeint. Aber hat das alles in den letzten Jahren nicht eine gewisse Eigendynamik entfaltet? Das kann auch kippen und dann wird’s gefährlich.Vielleicht wird uns in der Geschichte von Abraham und Isaak ein Spiegel vorgehalten: „Passt auf, wohin Ihr geht! Gebt acht! Ihr seid in der Gefahr, Eure Kinder zu opfern!“ „Strecke deine Hand nicht aus gegen dein Kind und tu ihm nichts zu leide.“ Gott setzt dem Menschen – genauer: dem Erwachsenen – Grenzen. Kinder müssen hin und wieder auch vor den Erwachsenen und deren noch so guten Absichten geschützt werden. Auch wenn es um hehre Ziele oder unhinterfragte Notwendigkeiten geht – ja selbst wenn es um vermeintlich göttliche Befehle geht, sag „Nein!“ Dem Ruf „Gebt mir Eure Kinder“ gilt es entgegenzutreten - um der Kinder und letztlich auch um Gottes Willen!