Im Zeichen des Verlierers

2014-09-14 18:06:05

Wie schmerzhaft es ist zu verlieren, das stand bei der Fußballweltmeisterschaft in diesem Sommer so manchem brasilianischen oder argentinischen Fan ins Gesicht geschrieben. Verlieren ist nicht schön. Heute zählen weithin nur noch die Sieger. Das gilt nicht nur für den Fußballplatz. Wir leben in einer Gesellschaft der Gewinner. Verlieren darf es nicht geben, obwohl es doch viele Verlierer gibt.Am 14. September steht in der Kirche das Zeichen der Niederlage, des Verlierens überhaupt im Mittelpunkt: das Kreuz. An diesem Tag im Jahr 335 wurde es der Legende nach in Jerusalem erstmals der Öffentlichkeit gezeigt, nachdem es die Kaiserin Helena gefunden hatte. Von nun an wird es zum Erkennungszeichen der Christen, denn es steht für den Gekreuzigten. Paulus hatte bereits im ersten Brief an die Korinther als Reaktion der meisten Zeitgenossen auf die Rede vom Gekreuzigten festgehalten: Das Kreuz ist für die einen eine „Torheit“ und für die anderen ein „Ärgernis“ (1 Kor 1,25). Die Welt will eben Sieger sehen.Dass Verlieren zum Leben und erst recht zum Spiel dazugehört, geht zunehmend vergessen. Verlieren kann durchaus etwas Heilsames haben. “Der größte Feind des Wandels ist der Erfolg”, hat der große Psychoanalytiker C.G. Jung einmal gesagt. Wer mit Misserfolgen leben lernt, der wird sich ändern. Das gilt sicher nicht nur bei der deutschen Nationalelf, die erst über Jahre hinweg zu „la Mannschaft“ wurde. Nur wer sich im Angesicht der Niederlage ändert, der wird auch wieder gewinnen können. Ja, gewinnen kann eigentlich nur, wer sich auf dauerhafte, vielleicht auch schmerzliche Veränderungen einlässt.“Wir verkündigen Christus als den Gekreuzigten”. Wir künden in und durch diese Kreuze von einem Verlierer par excellence. Wir glauben an einen Gott, der selbst zu den Verlierern zählte. Und weil er sich der eigenen Schwachheit und Niederlage nicht verschloss, wurde er wunderbar gewandelt. Vielleicht war es tatsächlich Gottes einzige Möglichkeit uns Menschen für sich zu gewinnen: nicht durch Weisheit und Klugheit, sondern durch Torheit und Niederlage.Das hat Konsequenzen: Auch wir brauchen uns mit unseren Niederlagen nicht zu verstecken. Paulus fährt in seinem Brief deshalb fort mit dem Hinweis auf die eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten: „Seht doch auf eure Berufung, Brüder! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen.“ (1 Kor 1,26 -27)Die Kreuze in unseren Wohnungen, an unseren Wegen und auf unseren Kirchen können daran erinnern: Die eigene Schwachheit und Torheit, unsere Niederlagen können Quelle für Gottes wandelnde Kraft sein.Mathias Wolf, Diakon