In unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden … (vgl. Apg 2,11)

2014-06-09 16:45:01

„Dass man in einer Kirche, in der gerade kein Gottesdienst stattfindet, nicht weiß, was man tun soll, erscheint mir als ein bedrohliches Zeichen. Meine Brüder, denke ich, haben keine eigene Sprache für den Aufenthalt in einer Kirche, stattdessen schließen sie sich, ohne lange darüber nachzudenken, der Sprache der Gottesdienste und offiziellen Gebete an. Das ist … nicht falsch und hat oft eine durchaus reinigende Wirkung. Es sollte aber nicht alles sein, nein, die Sprache der Gottesdienste und offiziellen Gebete sollte lediglich eine Vorgabe dafür sein, dass man zu einer eigenen Sprache findet. Zu einer Glaubenssprache. Zu einer Sprache vor Gott …. Dass ich so rede und auf diesem Thema beharre, kommt daher, dass ich dem Sprechen und Reden in der Kirche einen Großteil meines Lebens verdanke. Ohne dieses Sprechen und Reden wäre ich nicht der, der ich bin, … ja ich wäre vielleicht für immer der hilflose, kleine Bub geblieben, der alle paar Tage unter den Mittagstisch kroch und sich später in seinem Zimmer einschloss.“ So beschreibt Hans-Josef Ortheil in seinem Roman „Das Kind, das nicht fragte“ den biographischen Wendepunkt der Hauptfigur Benjamin Merz, eines Ethnologen, der in Sizilien sein eigenes Leben und das der Menschen in der kleinen Stadt Mandlica neu entdeckt. Ortheils Buch entführt in eine zauberhafte Welt der Sinne und der Sprache.Die Sprache, das Wort spielt im christlichen Glauben eine wichtige Rolle. Gott schuf die Welt auf sein Wort hin; Jesus Christus ist das menschgewordene Wort. Und an Pfingsten sind die Umstehenden so erstaunt über die Worte der Jünger, dass sie bemerken: „Wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden …“ (Apg 2,11). Pfingsten bedeutet wohl, die angemessene Sprache über Gott wiederzufinden. Es ist keine fremde Sprache unverständlich abstrakter Begriffe, sondern die Umstehenden sind erstaunt darüber, dass sie in ihrer eigenen Sprache verstehen, wovon die Rede ist. Das ist eine dauernde Herausforderung: Gottes Wort immer wieder neu in die Sprache der Gegenwart und des eigenen Lebens zu übersetzen. Dem Zeugnis der Apostelgeschichte zufolge ist genau das die Wirkung des Heiligen Geistes auf die frühe Kirche: Sie kann sich verständlich machen. Alle Sprachbarrieren werden überwunden. Es sind nicht nur die Sprachgrenzen der Völker, sondern auch der Schichten und Lebenswelten. Als Gott Mensch wurde, hatte er ja bereits das gleiche im Sinn gehabt: Er wird Fleisch in den Worten des Lebens. Allein der Mensch bringt das nicht fertig. Es ist immer auch ein Werk des Heiligen Geistes!Mathias Wolf, DiakonLiteraturtip: Hanns-Josef Ortheil: Das Kind, das nicht fragte; Luchterhand, ISBN-10: 3630873022, ISBN-13: 978-3630873022, 22 €