Ostersonntag 2020

In einem jüdischen Sprichwort heißt es: Am Anfang schuf Gott das Fragezeichen und legte es in das Menschenherz hinein. Es sind oft die Fragen, die uns weiter und auch zu Gott bringen. Die richtigen Fragen können Schätze bergen. Ostern ist ein Fest vieler Fragen. Gibt’s so was? War das wirklich so?

In einem jüdischen Sprichwort heißt es: Am Anfang schuf Gott das Fragezeichen und legte es in das Menschenherz hinein. Es sind oft die Fragen, die uns weiter und auch zu Gott bringen. Die richtigen Fragen können Schätze bergen. Ostern ist ein Fest vieler Fragen. Gibt’s so was? War das wirklich so?

„Warum weinst Du? Wen suchst Du?“ – Es sind ausgerechnet zwei Fragen, die Jesus am Ostermorgen stellt. Mit der Frage „Was sucht Ihr?“ hatte Johannes bereits sein Evangelium eröffnet (vgl. Joh 1). Und an Ostern schließt sich der Bogen: Die Suchbewegung des Anfangs findet Antwort. Im Garten Gethsemane tauchte die Frage „Wen sucht Ihr?“ auch auf: Als die Schächer Jesus verhaften wollen, fragt er sie sogar zweimal: „Wen sucht ihr?“ (19, 4.7) Und ihre Antwort: „Jesus von Nazareth“. Aber hier ist es keine ehrliche Antwort. Und deshalb kann es auch nicht die letzte Antwort sein.

„Wen suchst Du?“ – am Ostermorgen. Und kaum ist die Frage gestellt, da entzieht sich der Gesuchte mit der Bemerkung: „Halte mich nicht fest!“ Auferstehung begegnet als Freigabe. Den Auferstandenen nicht festhalten wollen genauso wie der Auferstandene Maria nicht festhalten oder fesseln will in ihrer Trauer oder Faszination. Der Auferstandene gibt die suchende Maria frei. Sie soll in ihre eigene Rolle finden und in Freiheit wachsen. Maria ist nicht mehr die Jüngerin. Von der Suchenden wird sie zur Verkündigerin der Auferstehung. In dem Moment, in dem sie sich vom Grab abwendet, wendet sie sich ihrer neuen Lebensaufgabe zu: „Apostolin der Apostel“ wie es Augustinus formuliert hat. Sie wird selbst zur Botschafterin des von den Toten Auferstandenen. Die Fragen Jesu haben sie frei gemacht, nach ihrer eigenen Antwort zu suchen. Diese Freiheitsgeschichte vom Ostermorgen ist mehr als eine schöne Geschichte von damals. In Jesus begegnet uns Gott, der in die Freiheit führt.

Ich glaube, für die Kirche unserer Tage hält diese Ostererzählung auch einen Appell bereit: Führt in die Freiheit! Ermöglicht Freiheit und beschränkt sie nicht! Wir haben gesehen, wie sehr geistlicher Missbrauch Menschen in die Abhängigkeit geführt hat und führt. Da werden Menschen mittels der Religion missbraucht, um vermeintlichen Dienern der Religion gegenüber hörig zu werden. Geistlicher Missbrauch führt nicht in die Freiheit, sondern in die Abhängigkeit. Das kann ganz unscheinbar und subtil geschehen, in dem ein schlechtes Gewissen eingeredet wird, das kann aber auch grausam in seelische Abhängigkeit oder körperlichen Missbrauch hinein kippen. „Wen suchst Du?“ – Die Frage Jesu vom Ostermorgen provoziert die je eigene, persönliche Antwort. Sie ist ein Ruf in die Freiheit. Jesus gibt keine Antwort, er stellt die entscheidende Frage. Ich denke, es gilt den fragenden Jesus wieder entdecken. Viel zu lange hat sich die Kirche als Lehrerin der Menschen verstanden. Es ist Zeit, in den Fragemodus – und zwar ehrlich, nicht nur in Scheinfragen, zu wechseln. Mit Antworten äußerst zurückhaltend und vorsichtig sein und die richtigen Fragen stellen, diese Haltung stünde der Kirche des 21. Jahrhunderts gut zu Gesicht.

 

Mathias Wolf, Diakon

 

Literaturtipp: Ronchi, Die nackten Fragen des Evangeliums, 2018