Petrus und Paulus – Zwei Charakterköpfe

2009-05-26 21:28:07

Imponierend sind sie, diese vier Apostelgestalten. Fast übertrieben reich und schön die Gewänder des Johannes, links, und des Paulus, rechts, im Vordergrund. Sie verdecken ein Großteil beider Bilder. Petrus auf dem linken Bild und Markus auf dem rechten Bild sind hinter ihnen fast schon versteckt.Die Aposteltafeln von Albrecht Dürer, entstanden im 16. Jahrhundert. Dürer hat die beiden „Apostelfürsten“ Petrus und Paulus auf zwei Bilder verteilt. Sind wir sonst gewohnt, beiden in trauter Harmonie zu begegnen, hier Trennung. Das Idealbild des Teams, der trauten Einigkeit beider bekommt Risse. Es gab durchaus auch Auseinandersetzungen zwischen beiden. Paulus erzählt davon zu Beginn seines Galaterbriefes. Es geht darum, ob man erst Jude werden muss, um Christ werden zu können. Paulus hat bei Nichtjuden das Evangelium verkündet, den Blick auf die Menschen seiner Lebenswelt gerichtet - Hellenisten, Römer vor allem. Er nimmt seine Umwelt wahr - wie im Bild. Allein sein Auge zielt in den Raum der Betrachter. Für Paulus gibt es keine Unterschiede: weder Juden noch Christen, weder Männer noch Frauen, wir sind „einer“ in Christus! Petrus dagegen und mit ihm die Jerusalemer Gemeinde ist anderer Meinung. Das Evangelium ist allein für Israel da. An diesem Wendepunkt in der Verkündigung des Evangeliums kommt es zum Konflikt. „Ich habe ihm ins Angesicht hinein widerstanden!“, sagt Paulus. Bei allem Mühen um Einheit, um eine gemeinsame Linie: Widerstand ins Angesicht hinein. Was er im Glauben für richtig hält, vertritt er - auch Petrus gegenüber. Er hat die Herausforderungen der Zeit angenommen, sie vom Evangelium gedeutet. Um der Wahrheit willen, geht er dann auch Konflikte ein. Die Anspannung seines Gesichtes kann davon zeugen: Rhetorik unter der geschwollenen Kopfader, geschliffen wie das Schwert in der Hand, jederzeit zum Argumentieren bereit. Seine Briefe schwergewichtig auf dem Arm.Und Petrus? Er steht im Hintergrund der linken Tafel, vor ihm Johannes, das Evangelium aufgeschlagen. Mühsam beugt sich der gealterte Petrus darüber. Er schaut Johannes etwas ab. Die „Schlüsselfigur“ der Apostel und später der Kirche hat etwas dazuzulernen! Im Evangelium schaut er nach.Was da steht? „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen...!“ In Rom steht es in großen goldenen Buchstaben in der Peterskuppel: „Tu es Petrus....“ Ein langer Weg: aus dem Evangelium bis in die Peterskuppel. Der Papst - Nachfolger des Petrus. Ohne Brüche, Änderungen, auch Irrwege sind diese Jahrhunderte an der Kirche und an diesem Amt nicht vorübergegangen. Zwei Dinge haben das Petrusamt im Laufe der Zeit geprägt: die Sorge um die Verbundenheit mit dem Ursprung in Jesus Christus und die Sorge um die sichtbare Einheit im Glauben. Das Ideal blieb da sicher oft hinter der Wirklichkeit zurück. Aber wie wäre es, wenn das Petrusamt heute Maß nähme am eigenen Grund, am Evangelium?Was Simon ja den Beinamen Petrus, Fels, eingebracht hat, ist sein Glaubensbekenntnis im Evangelium. „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Was die anderen denken, was ihnen nach um nach klar wird, er bringt’s auf den Punkt. Er hat die Gabe in Worten das Wesentliche, den Kern der Sache, zum Ausdruck zu bringen.Der Nachfolger Petri soll auf den Punkt bringen, was unseren Glauben ausmacht. Allein kann er das allerdings nicht! Das geht nur im Dialog mit den anderen, die auch glauben. „Simon, nicht Fleisch und Blut haben die das offenbart, sondern mein Vater im Himmel!“ Simon, das hast Du nicht aus Dir heraus, nicht als Mensch, das ist nicht Dein privater Verdienst. Nicht in deiner Begrenztheit. Nein, dieser Glaube sprengt alle Grenzen, weil er göttliches Geschenk ist. Den Glauben können wir uns nur schenken lassen, den können wir nicht machen - auch der der Papst ist davon nicht ausgenommen!‘Petrus, Du sollst Felsen sein, auf den ich meine Kirche baue.’ Nur einer baut letztlich an der Kirche - Jesus Christus. Er ist ihr Baumeister - nicht der Papst, nicht die Bischöfe und noch nicht mal die Christen. Wenn sich keiner zum Herrn der Kirche macht, wird sie auch nicht von dunklen Mächten überwältigt. Dann ist sie selbst frei.„Ich werde Dir die Schlüssel des Himmelreiches geben.“In der Hand des Petrus finden sich Schlüssel, die den Menschen den Himmel erschließen können. Den Menschen Gottes neue Welt aufschließen. Sich binden lassen an das Reich Gottes, um gelöst von vielen bedrängenden Umständen leben zu können, das ist auch Aufgabe des Nachfolgers Petri. Petrus und Paulus - zwei Charakterköpfe. Das eine nicht ohne das andere: der Blick nach vorne in die Zukunft. Der Blick zurück auf die Wurzeln. Um des Glaubens willen Konflikte eingehen! Trotz allem bricht beider Gesprächsfaden nicht ab. Sie sind und bleiben, trotz ihrer Unterschiede im Dialog miteinander. Und so gelingt Ihnen damals auch die Lösung des Problems. Mathias Wolf, Diakon.