Pfarrblatt November
Gräber erzählen viel über die Lebenden. Bei einer Fortbildungsreihe zu großen Autoren standen wird am Grab von Franz Kafka in Prag, Annette von Droste-Hülshoff in Meersburg, Alfred Döblin in Housseras in den Vogesen, Rainer-Maria Rilke in Visp im Wallis und vielen anderen. Da war immer ein besonderer Geist zu spüren. Und irgendjemand aus der Runde konnte immer auch eine Geschichte zum Grab und den dort Liegenden erzählen.
Unser Gedenken braucht Orte. Fehlen sie, ist es tragisch und schmerzlich. Wer einmal bewusst über deinen Friedhof gegangen ist, die vielen Namen auf den Gräbern gesehen hat, der spürt, dass es ein besonderer Ort ist. Hier ist die Welt der Toten. Hier ruhen die, die vor uns oder mit uns lebten und jetzt nicht mehr unter uns sind. Hier sind sie da. In den Namen, den Daten und vor allem auch in den Erinnerungen. Das macht diesen Ort aus. Auf vielen Friedhöfen sind sogar die noch da, die weit weg auf fremder Erde ruhen, weil sie dort im Krieg oder bei der Flucht umkamen oder weil eben nichts mehr von ihnen übrig geblieben ist, bis eben auf ihren Namen.
Wir brauchen besondere Ort wie Friedhöfe, weil sie uns eine Dimension des Lebens in Erinnerung rufen, die wir lebenden nur allzu oft verdrängen: Die Endlichkeit unseres Lebens. Jeder Mensch hat wenigstens an diesem Ort einen Namen, der nicht sofort ausgelöscht wird. Es ist eine Name, eine Lebensgeschichte, die über den Moment hinaus bleibt. Das macht diese Ort auch für unsere Kultur, in der wir die Würde des Menschen als unantastbar beschreiben zu einem Prüfort wie ernst wir es damit wirklich meinen.
Wir brauchen diese Orte des gemeinsamen Gedenkens, der Verankerung der Erinnerung, weil sonst auch wir Lebenden in der Beliebigkeit verloren gehen.
Im Christentum hat das Grab eine ganz besondere Bedeutung. Denn das leere Grab ist der erste Hinweis auf die Auferstehung. In diesem Glauben werden Christen bestattet: das Grab ist eben nicht der letzte Ort. Dereinst werden die Gräber leer sein. Auf manch altem Grabstein findet sich die Aufschrift „hic expectat resurrectionem“ (Hier erwartet die Auferstehung). Das ist unsere Hoffnung: Christus wird uns alle dereinst aus den Gräbern holen!
Mathias Wolf, Diakon