Rund um den Brunnen

2008-05-07 19:36:19

Brunnenfest – am Sonntag nach Pfingsten feiert wieder ganz Oberursel rund um den Brunnen auf dem Marktplatz.Heutzutage kommt das Wasser aus dem Hahn. Als es noch mühsam ins Haus gebracht werden musste, hatte auch der Brunnen, an dem man es holte, eine andere Bedeutung. Hier traf man sich, hier tauschte man Neuigkeiten aus und hier wurde einem auch bewusst, wie kostbar Wasser ist. So waren Brunnen schon immer wichtige Orte der Begegnung.Da verwundert es kaum, dass auch die Bibel „Brunnengeschichten“ kennt. Im Alten Testament trifft Jakob seine spätere Frau Rahel am Brunnen (Gen 29). Sie kommt zum Tränken der Herde und Jakob ist ihr behilflich, den großen Stein, der den Brunnen verschloss, zu entfernen. Hier am Brunnen beginnt die verworrene Liebesgeschichte beider, aus der schließlich das ganze Volk Israel hervorgehen wird. Im Neuen Testament trifft nach dem Zeugnis des Johannesevangeliums genau an diesem Jakobsbrunnen Jesus auf eine Frau aus Samarien (Joh 4). Nun ist er es, der sie um etwas zu trinken bittet. Damit sprengt er die Anstandsregeln seiner Zeit gleich zweifach: Als Mann bittet er eine Frau um etwas und als frommer Jude spricht er mit einer Samariterin. Dieses Volk galt als gottlos und jeder Umgang mit ihm wurde gemieden. So ist das Gespräch beider denn auch von Missverständnissen durchzogen. Es scheint, als würden sie vollends aneinander vorbei reden. Obwohl die Kommunikation nur schwer in Gang kommt, gewinnt sie doch in ihrem Verlauf einiges an Tiefgang. Schließlich kommen beide über das Leben und Gott selbst zu sprechen. Ja die Frau läuft am Ende sogar zurück in die Stadt und wird zur Botin des Glaubens an Jesus. Aus dieser Begegnung am Brunnen geht nun wieder ein großes Volk hervor. Es ist das neue Gottesvolk, das keine Grenzen der Völker, Sprachen oder Geschlechter mehr kennt. Wenn die Frau am Jakobsbrunnen nicht so beharrlich den Dialog gesucht hätte, wäre es nie dazu gekommen. Erst im mühsamen Gespräch über Missverständnisse hinweg konnte die Verständigung gelingen. Wenn an diesem Wochenende tausende Menschen aus vielen Orten und Ländern in Oberursel rund um den Brunnen zusammenkommen um zu feiern, dann bleibt ihnen zu wünschen, dass sie auch diese Erfahrung machen können. Im gemeinsamen Feiern einander näher kommen, auch über die Grenzen von Kulturen und Sprachen hinweg. Das wird auch so manche Anstrengung bedeuten und vielleicht auch Mühe machen. Aber letztlich lohnt das alles, kann es doch der Anfang des Lebens selbst sein. Mathias Wolf, Diakon