Überflüssige Kirchen - zur Kerb in St. Crutzen

2011-08-19 13:27:08

Auf der Fahrt in den Sommerurlaub habe ich in diesem Jahr an der ein oder anderen gotischen Kathedrale im Osten Frankreichs Halt gemacht. Riesig türmen sich diese Kunstwerke aus Stein und Licht auf. Weite Kirchenräume tun sich hinter den prächtigen Portalen auf. Ich habe mir oft die Frage gestellt: Wofür diese Räume?Eigentlich sind diese Räume doch überflüssig. Viel zu groß dimensioniert für diese kleinen Städte. Die waren bestimmt nur selten voll gewesen zum Gottesdienst. Eigentlich sind es doch leere Kirchen.Je mehr dieser Kathedralen ich sah, um so mehr wurde mir deutlich: ja genau das könnte ihre Botschaft heute sein: Kirchen sind überflüssig!In einer Zeit, die alles auf Nützlichkeit auslegt, wird das um so deutlicher. Ökonomisch rechnen sich Kirchen nicht und haben es vermutlich nie getan. Um eine Gemeinde zusammen zu bringen oder um Gottesdienst zu feiern, braucht man solche Gebäude nicht. Da reichen doch auch einfache Versammlungsräume. Und bei der Diskussion um so manchen Kirchenneubau argumentieren ja selbst die kirchlich Verantwortlichen so: ‚Die Kirchen müssen kleiner werden, es kommen doch immer weniger.’ Wir sind fixiert auf die Zahl der Gottesdienstbesucher. Akribisch genau wird die Zahl der Sitzplätze und der umbaute Raum ausgemessen.Kirchen sind überflüssig! Denn Kirchen wohnt immer etwas Überflüssiges inne. Genau darin steckt ihre moderne Provokation. Kirchen gehen eben nicht auf in dem tagtäglichen Nutzen des Arbeitens, Kaufens und Machens. Kirchen sind im wahrsten Sinn des Wortes überflüssig, denn das Überfließende ist Kennzeichen des Göttlichen! In der Verweigerung der Nützlichkeit verweisen Kirchen auf die Unverfügbarkeit Gottes, auf sein Anderssein, auf seine Freiheit und Größe. Die Kirchen mit ihren Türmen zeigen die Höhe an, die der Mensch braucht, um sich selbst verstehen zu können. Kirchen sind Leer-räume zwischen den zweckdienlichen Häusern und Gebäuden unseres Alltags. Und es ist gut, dass sie es sind, gerade in unserer Zeit. Noch nie hat der Mensch so selbstbezüglich gelebt wie heute. Überall begegnet der Mensch nur sich selbst, seinen Gedanken, seiner Wissenschaft, seiner Forschung. Es ist beängstigend nur noch sich selbst zu kennen und sonst niemanden mehr. Unverzweckbare Kirchen können ein Mahnzeichen in dieser Welt der Selbstbezüglichkeit sein und erzählen von Gott, dem Ganz Anderen, dem Je Größeren, dem Unfassbaren. Kirchen verkünden Tag und Nacht über die Zeiten hinweg in stiller Eindringlichkeit diese Botschaft. Gehen wir achtsam und liebevoll mit unseren Kirchen um. In ihnen berührt Gott unsere Städte, Dörfer und Landschaften – ja nicht zuletzt unser Leben.