Unser Leib – Gottes Tempel

2007-11-04 14:27:30

„Dein Leib war Gottes Tempel, der Herr schenke Dir ewige Freude!“ – Während dieser Satz in der Beerdigungsliturgie gesprochen wird, wird der Leichnam des Verstorbenen zum Abschied am offenen Grab mit Weihrauch geehrt. Weihrauch, dieses alte Zeichen der Wertschätzung und Hochachtung. Im Orient der Antike war er wegen seiner Kostbarkeit eigentlich nur hochgestellten Persönlichkeiten vorbehalten. Und nun hat er seinen Platz in der ganz normalen Beerdigungsfeier der katholischen Kirche. Ein wichtiges Zeichen. Hier verdichtet sich, was über den Menschen überhaupt und seinen sterblichen Leib im besonderen zu sagen ist. Auch wenn der Augenschein dagegen sprechen mag: Der Leib ist kostbar, Gottes Tempel eben. In unserem vergänglichen Leib findet Gott die ihm gemäße Wohnung in dieser Welt. ER kommt zur Welt durch uns – und unseren Leib. Das ist die radikale Botschaft der Geburt Jesu – Gott wird Mensch. Und der Mensch wird zugleich göttlich! Beim kleinen Kind, dem wohlgeformten jungen Menschen können wir das sofort nachvollziehen.Aber im Angesicht des Toten; des zerfallenden leblosen Körpers? Es ist ungeheuer mutig, wenn die Liturgie genau hier sich traut, dies in Erinnerung zu rufen. Dem Toten zur Ehre und uns Lebenden ins Gedächtnis einprägt, auf daß wir es nicht vergessen: Dein Leib war Gottes Tempel! Tatsächlich – bei allen Gebrechen, allen erlittenen Wunden und den Malen von Leidenschaft oder Aggression. Bei aller Bitterkeit oder Einsamkeit, bei allen Idealen des Lebens, die wie Seifenblasen geplatzt sind; bei allen Träumen von Unbesiegbarkeit und ewiger Jugend: Dein Leib war Ort der Anwesenheit Gottes in dieser Welt! Wer das wirklich verstanden hat, der wird auch seinen Leib in einem anderen Licht sehen. Nicht mehr das, was er nicht ist, zählt, sondern die Kostbarkeit, die er beherbergt. ‚Einen kostbaren Schatz in zerbrechlichen Gefäßen’ tragen wir in uns, bemerkt Paulus. Unser Leib gehört nicht uns, er wird ganz und gar durchsichtig auf Gott hin!Nicht ohne Grund ist es der Weihrauch, der diese Worte als Zeichen begleitet. Die Weihrauchkörner entfalten erst dann ihren Duft, wenn sie auf der Kohle schmelzen und verbrennen. Ein treffendes Bild für unser Leben. Erst durch die Wunden, die Narben, die Veränderungen ist es zu dem geworden, was es ist. Nur in der Spannung zu Widerständen entfalten wir uns lebendig. Erst durch diese Widrigkeiten hindurch entfaltet es seinen Duft.„Dein Leib war Gottes Tempel, der Herr schenke Dir ewige Freude!“ Das ist unseren Toten und jedem von uns zugesagt. Diesen zerfallenden Leib wählt sich Gott als seine Wohnung und genau dieser vergängliche Leib wird auch Ort ewiger, gottgeschenkter Freude sein! Nichts jenseits aller Wunden und Schläge des Lebens, sondern zerrieben zwischen ihnen duftet das Leben in unendlicher Fülle!Ulla Hahn [b]Dieser Sommer[/b]Dieser Sommer lehrt mich meine Narben zu liebenmich zu schmücken mit Würgemalen am HalsDieser Sommer lehrt mich alle Bitterkeit zu verschließen das macht mich schön prall und rund wie gesundDieser Sommer lehrt mich bel canto aufzuschreinDieser Sommer lehrt mich daß die Einsamkeit in zwei Armen ruht und gedeihtDieser Sommer lehrt mich einen verfügbaren Körper nicht zuverwechselnmit dem Verlangen nach GlückDieser Sommer lehrt michein Wasserspiegel zu sein für jeden SteinDieser Sommer lehrt mich riesige Seifenblasen zu lieben und kleine bevor sie zerplatzenDieser Sommer lehrt mich daß alles ohne einen selbst weitergehtDieser Sommer lehrt mich ein zufrieden gefrorenes GesichtDieser Sommer lehrt mich ich schlage selbst die Trommel wenn ich tanzen willDieser Sommer lehrt mich ohne Glück ohne Trauer sekundenlang Gottes Bundesgenossin zu seinDieser Sommer lehrt mich morgens aufzuwachen. Dankbar. Allein.Dieser Sommer lehrt michdas Blatt vom Zitronenbaum duftet nur zwischen den Fingern zerrieben.