Unterscheidung der Geister

Vielleicht haben auch Sie sich schon gefragt, in welcher Beziehung eigentlich Glaube und Alltagsleben zueinander stehen.

Mir fällt dazu sofort der Satz „geglaubt wird sonntags in der Kirche“ ein, der häufig dann fällt, wenn ausgedrückt werden soll, dass Glaubensthemen, die im Gottesdienst behandelt werden, eben nichts mit dem „wahren Leben“ und seinen Problemen zu tun haben.
Mag es in der Kirche – hoffentlich ansprechend gestaltet – bei der Verkündigung der Frohen Botschaft fromm und feierlich zugehen, so ist doch die Frage, wie wir jenseits der Kirchentüren in Familie, Schule, Arbeit und Freizeit unser Christsein leben. Im Idealfall sind beide Bereiche voneinander durchdrungen: wir dürfen im Gottesdienst die Menschen sein, die wir auch sonst sind. Mit unseren Fragen, Problemen, Ängsten, Zweifeln, dem Scheitern und den Verhärtungen; natürlich auch mit allem, was uns positiv bewegt wie Freude, Dankbarkeit, Stolz, Euphorie, Empathie und Liebe. All das brauchen wir nicht auszublenden oder zu versuchen, uns zu verstellen, sondern können wir Gott zumuten und hinhalten. Gott will und kann an uns Menschen handeln, er kann Verwandlung bewirken, ja sogar in der extremst denkbaren Form, nämlich vom Tod zum Leben (Ostern); das zu feiern ist zentraler Inhalt jedes Gottesdienstes. Aber ob wir es zulassen, Gott auch im Leben jenseits der Kirchenmauern Gelegenheit zu geben, in uns und durch uns zu wirken, diese Entscheidung liegt bei uns selbst.
Wer das will und sich auch im Alltag am christlichen Glauben ganz praktisch orientieren möchte und bislang nur irgendwie diffus spürt, dass es in nahezu allen Situationen mehrere Möglichkeiten gibt, sich zu entscheiden oder zu verhalten, dem sei die sogenannte „Unterscheidung der Geister“ ans Herz gelegt. 
Die Formulierung geht auf den hl. Paulus zurück, der sie im 1. Korintherbrief im Kapitel 12 verwendet. Dies ist die Pfingstlesung, bei der die verschiedenen Gaben des Heiligen Geistes aufgezählt werden. Die Geister, die in mir betreffs etwa eines Vorhabens wirksam sind, zu reflektieren und nach göttlicher oder anderer Herkunft unterscheiden bzw. bewerten zu lernen, ist Gegenstand einer Methode, die auf den hl. Ignatius von Loyola (1491-1556, Gründer des Jesuitenordens) zurückgeht. Dieses innere Sortieren-Lernen („Unterscheiden“) von guten (durch Gottes Geist bewegten) und weniger guten (nicht von Gottes Geist stammenden) Motivationen zum Handeln kann eine wertvolle und alltagspraktische Entscheidungshilfe sein. 
Zwei Jesuiten der Gegenwart, Medard Kehl SJ und Georg Mühlenbrock SJ, haben zusammengefasst, was nach der Lehre des hl. Ignatius zur „Unterscheidung der Geister“ im Allgemeinen für die Herkunft vom Geist Gottes spricht:
1. Wenn mir für ein Vorhaben gute Motive zur Verfügung stehen.
2. Wenn mir auch die nötige Zeit und Kraft dafür gegeben ist.
3. Wenn sich etwas gut einfügt in den Rahmen meiner anderen Aufgaben und Verpflichtungen.
4. Wenn sich etwas „wie von selbst“ mir nahe legt.
5. Wenn ich bei der Erwägung eines Vorhabens ein „gutes Gefühl“ habe, mag das Vorhaben auch noch so schmerzlich und hart für mich sein.
6. Wenn die betreffende Sache auch ästhetisch schön und ansprechend ist.
7. Wenn ich mir gut vorstellen kann, dass auch Jesus so entscheiden und handeln würde.
8. Wenn ich mich bei einem Vorhaben „in guter Gesellschaft“ befinde (vgl. Leben der Heiligen).
9. Wenn ein Vorhaben in mir Glauben und Vertrauen hervorruft bzw. herausfordert.
10. Wenn es der Liebe dient: Ausdruck der Liebe ist und sie stärkt.

Im Allgemeinen und in der Regel kommt nicht vom Geist Gottes und ist also nicht Wille des Geistes Gottes:

1. Was über meine Kraft geht, was mich permanent überlastet und überfordert.
2. Was nur mit äußerster Anstrengung, mit Gewalt und Krampf verwirklicht werden kann, mit viel Hast und Hektik verbunden ist und Ängste auslöst.
3. Was maßlos und verstiegen anmutet, Aufsehen erregend und sensationell auf mich und andere wirkt.
4. Was ich nur mit dauerndem Widerwillen und Ekel tun kann.
5. Was sich ordinär, primitiv und unästhetisch gibt.
6. Was kleinlich, haarspalterisch und spinnig wirkt.
7. Was keine Erdnähe hat und nicht konkret werden kann (vgl. 1 Joh 4,1 – 4: Das inkarnatorische Prinzip)
8. Was lieblos ist und sich für mich und andere destruktiv auswirkt.
9. Was nicht zu der Art und Handlungsweise Jesu passt, wie ich Ihn kennen gelernt habe.
10. Was mir den Sinn für das Gebet und die Freude daran raubt.

Zitiert nach: Karl Hillenbrand/Medard Kehl (Hrsg.): Verkündet die Großtaten Gottes – Aus dem Nachlass von P. Georg Mühlenbrock SJ. Echter-Verlag, 2002.
Mögen wir alle immer mehr ein Gespür dafür entwickeln, wo Gottes guter Geist bereits wirkt; und auch ein Gespür dafür, wo andere Geister am Werk sind, zu denen wir auch Stellung beziehen sollten… ob in uns selbst, im kirchlichen Bereich oder ganz woanders!