„Beginn von Ehrlichkeit“

Am 13. Juni wurde in der Frankfurter Paulskirche der Abschlussbericht des Projekts "Betroffene hören – Missbrauch verhindern" für das Bistum Limburg vorgestellt. Dieses Projekt war als Konsequenz aus der MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch von Minderjährigen durch Kleriker der katholischen Kirche entstanden.

Knapp ein Jahr lang haben 70 externe Expertinnen und Experten gearbeitet und nun einen 420-seitigen Abschlussbericht mit 61 Vorschlägen zur Missbrauchsprävention vorgestellt.

Der Bericht enthält die transparente Beschreibung der Projektorganisation in neun Teilprojekten und ist gewiss notwendig und wertvoll für die daraus zu ziehenden praktischen Konsequenzen für die Zukunft. Und doch ist es weniger die wissenschaftliche Aufarbeitung in Form von Methodik und Statistik als das persönliche Zeugnis der Betroffenen, das bewegt und anrührt. Denn man muss sich vergegenwärtigen, dass hinter jeder Zahl und hinter jedem Strich in einem Balkendiagramm ein persönliches Schicksal steht: ein traumatisierter Mensch mit einer konkreten Lebens- und Leidensgeschichte.

Das Leiden der Betroffenen in den Mittelpunkt zu rücken und insofern einen Perspektivwechsel zur bisherigen Praxis zu vollziehen, nämlich „die Schweigemauer“ aufzubrechen und den „Beginn von Ehrlichkeit“ zu wagen, ist die zentrale Erkenntnis aus dem Prozess, die bei der Veranstaltung in der Paulskirche direkt umgesetzt wurde. Denn am Beginn stand das persönliche bewegend-erschütternde Zeugnis von Martin Schmitz über das, was ihm widerfahren ist.

Die Worte von Martin Schmitz, aber auch sämtliche Ergebnisse der Teilprojekte sowie den Abschlussbericht und Statements von Beteiligten und einen Youtube-Link zur gesamten Veranstaltung "Betroffene hören – Missbrauch verhindern" hat das Bistum Limburg auf eine Internetseite gestellt.

Der Titel dieser Internetseite ist mehr als ein nur ein Zitat unseres Bischofs Georg Bätzing vom 13. Juni, denn es ist meines Erachtens zu verstehen als Ansage und Versprechen des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz hinsichtlich der Aufarbeitung und der Konsequenzen aus sexuellem Missbrauch in der kath. Kirche. Sein Satz lautet:

Es ist nicht beendet, wir fangen jetzt an!“ – Hier der Link:

https://bistumlimburg.de/beitrag/es-ist-nicht-beendet-wir-fangen-jetzt-an/

Für unsere Pfarrei St. Ursula in Oberursel und Steinbach möchte ich hiermit auf unsere Präventionsbeauftragten, Anita Novotny (novotny@kath-oberursel.de) und Dr. Katrin Gallegos Sánchez (sanchez@kath-oberursel.de), hinweisen, an die Sie sich gerne mit Ihren Anliegen oder Fragen zum Thema wenden können: https://www.kath-oberursel.de/schwarzes-brett/praevention-vor-missbrauch

 

Ans Herz legen möchte ich Ihnen zum Schluss ein Gebet für die Opfer sexuellen Missbrauchs - verfasst von Sabine Hesse, der Präventionsbeauftragten des Bistums Rottenburg-Stuttgart:

 

Gott, du Freund des Lebens.
Du bist allen nahe, die bedrängt sind und leiden.
Wir denken heute besonders an die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen,
die sexuellen Missbrauch erleiden mussten und müssen – auch in deiner Kirche.

Wir klagen vor dir
über die Gewalt, die Täter ihren Opfern an Leib und Seele antun,
über zerstörtes Leben, das oft niemand wieder gut machen kann.
Du unser Gott, höre unsere Klage.

Wir bekennen vor dir
das Wegschauen, Schweigen und Nichtstun derer, die die Taten geahnt haben und ahnen.
Du unser Gott, höre unsere Klage.

Wir wollen darauf achten, was viele nicht sehen wollen:
sexuelle Übergriffe und den Missbrauch von Vertrauen und Macht.
Du unser Gott, steh uns bei.

Wir wollen hören
auf die Geschichten der Opfer.
Wir wollen Anteil nehmen
an ihrem Schmerz und ihrer Einsamkeit.
Du unser Gott, steh ihnen und uns bei.

Wir wollen sprechen
von der Verantwortung, die jeder von uns trägt.
Wir wollen sprechen über Hilfe und Auswege aus der Not.
Du unser Gott, gib uns Kraft und Mut.

Wir wollen schweigen,
wo Erklärungen und Ratschläge nicht angebracht sind.
Du unser Gott, gib uns Kraft und Mut.

Wir wollen uns freuen
über die Stärke und Kraft der Betroffenen,
über die Solidarität derer, die sie begleiten,
über alle Menschen, die mitarbeiten, um einen besseren Schutz zu verwirklichen.
Du unser Gott, mach unsere Hoffnung stark.

Wir wollen hoffen
auf Aufbrüche und neues Leben schon in dieser Welt,
auf die Umkehr der schuldig Gewordenen,
auf deine Gerechtigkeit heute und am Ende der Zeiten,
auf Heilung aller Wunden, die allein du schenken kannst.
Du unser Gott, mach unsere Hoffnung stark.

Lebendiger Gott, sende uns deinen Geist und sei mit uns auf diesem Weg,
durch Jesus Christus, unseren Bruder und Herrn.
Amen.